Interview mit Nicolej Krickau

Interview mit Nicolej Krickau

Nicolej Krickau steht für moderne Ideen, klare Haltung und eine besondere Art der Führung – auf der Bank genauso wie abseits der Halle. Doch hinter Taktiktafeln, Spielsystemen und Ergebnissen steckt ein Mensch, der Entscheidungen trifft, zweifelt, lernt und wächst.
In diesem Interview ging es mir bewusst nicht um das nächste Spiel oder die letzte Analyse, sondern um die Gedanken, Erfahrungen und Überzeugungen, die einen Trainer wirklich prägen. Um Momente des Zweifelns, um persönliche Entwicklung, um Verantwortung – und um das, was Handball über das Leben lehrt.
Ein Gespräch über Führung, Menschlichkeit und den Blick hinter die Trainerrolle.

1. Gab es einen Moment in deiner Trainerlaufbahn, in dem du fast alles hingeworfen hättest – und was hat dich trotzdem bleiben lassen?

Nein! Ich war müde. Aber niemals müde vom Handball. Was mich gelegentlich das Gefühl haben lässt, dass es manchmal „Zeitverschwendung“ sein kann, ist, wenn das System im Sport dumm funktioniert. Aber ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, ob ich weitermachen sollte.

2. Welche Eigenschaft an dir selbst würdest du als Trainer sofort „auswechseln“, wenn das im echten Leben ginge?

Schiedsrichterfokus. Das hat mich während meiner gesamten Karriere zu sehr beschäftigt. Inzwischen habe ich mich damit arrangiert, dass es ein Teil von mir ist, aber ich wünschte, es würde weniger Raum einnehmen.


3. Wenn du einen deiner Spieler einen Tag lang coachen lassen müsstest – wen würdest du wählen und warum?

Aitor Ariño. Weil er mit der spanischen Defensivdenkweise inspirieren könnte.

4. Welche Entscheidung auf der Bank hat dich emotional stärker getroffen: eine falsche taktische oder eine menschliche?
Ich habe keinen einzelnen Fall, der mich verfolgt. Generell fällt es mir jedoch am schwersten, Niederlagen zu akzeptieren, wenn ich „nicht gehandelt“ habe – also zu konservativ war. Umgekehrt liegt das Dilemma darin, dass die besten Entscheidungen manchmal auch darin bestehen, „nicht zu handeln“. Das ist also eine schwierige Balance.

5. Was hat dich Handball über zwischenmenschliche Beziehungen beigebracht, das du außerhalb der Halle ständig nutzt?

Ich bin in den dänischen Vereinen mit Demut und gutem Verhalten in Beziehungen als zentralen Werten aufgewachsen. Ich hoffe, dass die Menschen das wiedererkennen, wenn sie mir außerhalb des Handballs begegnen.

6. Wenn du deine Trainerphilosophie in nur einem Satz erklären müsstest, den kein Handballtrainer je benutzt hat – wie würde er lauten?

Es ist sicher schon einmal benutzt worden, aber in einem Satz würde ich meine Philosophie so beschreiben: Eine Philosophie, die davon ausgeht, dass wir im Alltag rund um die Mannschaft einen strategisch und systematisch starken Rahmen schaffen müssen, aber wenn Entscheidungen getroffen werden, sollten sie auf gesundem Menschenverstand beruhen und nicht auf Prinzipien.

7. Welche Gewohnheit oder Marotte hast du an Spieltagen, von der kaum jemand weiß?

Derselbe Kampfrhythmus bei allen Abendspielen: aufstehen, Bewegung, Mittagsschlaf, Essen, Duschen, in die Halle, Vorbereitung auf das letzte Treffen mit den Spielern, ein neuer kleiner handgeschriebener Zettel mit den wichtigsten Dingen, an die man sich in jedem einzelnen Spiel erinnern muss – und DANN ein roter Stimorol und ein Energydrink vor dem Spiel, und dann geht es los.

8. Gibt es einen Spieler, den du nie trainiert hast, aber unglaublich gern trainiert hättest – unabhängig von Leistung oder Erfolg?

Zum Glück durfte ich bereits eine ganze Reihe sehr guter Spieler trainieren. Müsste ich einen Einzelnen aus der Vergangenheit wählen, würde es zwischen Ólafur Stefánsson oder Bertrand Gille liegen – aus zwei offensichtlich völlig unterschiedlichen Gründen.

9. Was war die größte Lüge, die du dir selbst als junger Trainer erzählt hast – und wann hast du sie durchschaut?

Dass hohe Intensität im Training IMMER ein Muss ist. Das habe ich auf gute Weise gelernt, als ich zum ersten Mal Morten Olsen trainierte und Einblick bekam, wie man auf ruhige und konzentrierte Art viel Entwicklung erreichen kann, auch bei manchmal niedriger Intensität.

10. Was ist etwas, das deine Spieler über dich erst dann wirklich verstehen würden, wenn sie selbst einmal Verantwortung für ein ganzes Team tragen müssten?
Dass ich manchmal Entscheidungen treffe, die im Moment falsch wirken können, dass aber immer ein strategischer Gedanke dahintersteckt – sei es taktisch, führungsbezogen oder in anderer Hinsicht.
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