„Lukas Binder ist seit über 16 Jahren ein Herzstück beim SC DHfK Leipzig – und in dieser Zeit weit mehr geworden als nur ein Spieler. Als gebürtiger Leipziger hat er den Weg des Vereins von den unteren Ligen bis hin zur Handball-Bundesliga aktiv mitgeprägt und sich zum Kapitän und Identifikationsfigur entwickelt. Dabei stand ihm nicht nur Talent zur Seite, sondern vor allem Konstanz, Leidenschaft und ein außergewöhnlicher Wille, sich immer weiter zu verbessern – auch wenn der Weg nicht immer leicht war und Rückschläge dazugehören.
Binder ist ein Typ, der für seinen Verein lebt, der herausragende sportliche Momente genauso im Herzen trägt wie die Menschen hinter den Kulissen. Er hat den Verein nicht nur sportlich geprägt, sondern auch durch sein Engagement und seine Präsenz als Leipziger Urgestein, das fest in seiner Heimat verwurzelt ist.
Abseits des Spielfelds ist Lukas nicht nur Kapitän, sondern auch Unternehmer und Persönlichkeit – jemand, der in Gesprächen offen über die Herausforderungen im Profisport, persönliche Entwicklung und das Leben neben dem Handball spricht. Seine Geschichte ist eine von Durchhaltevermögen, Selbstreflexion und menschlicher Tiefe, und genau diese Facetten wollen wir heute gemeinsam mit ihm erkunden.
In unserem Gespräch geht es nicht um Spiele, sondern um die Menschlichkeit hinter dem Spitzensportler, um Zweifel und Energie, um Momente, die geprägt haben – und diejenigen, die noch nachwirken.“
1. Gab es einen Moment in deiner Karriere, in dem du fast mit Handball aufgehört hättest – und was hat dich trotzdem bleiben lassen?
Ja den gab es. Als ich in der dritten Liga, zweiter Linksaußen war und meiner Meinung nach ganz klar der schlechtere. Ich wollte damals einfach ein guter Drittliga-Spieler werden, das war mein großer Traum. Dann waren wir zu viele im Kader und einer musste gehen – Mein damaliger Trainer Sven Strübin hat glücklicherweise an mich geglaubt, sonst wäre ich heute nicht hier.
2. Gibt es etwas, das dich im Handball bis heute noch nervös macht – egal wie viel Erfahrung du schon hast?
Jedes Mal vor dem Lauftraining muss ich ungefähr 10 mal auf Toilette, das auf jeden Fall am meisten. Aber bis heute ist auch das Einlaufen in die Arena vor dem Spiel extrem besonders und ich beruhige mich oft etwas durch Atmung.
3. Welche Eigenschaft an dir selbst hilft dir auf dem Spielfeld extrem, steht dir im Privatleben aber manchmal im Weg?
Das ich alles für den Handball und meine Mannschaft gebe. Das ist toll auf dem Spielfeld und muss auch wieder mehr von mir als Kapitän in der Situation vorgelebt werden. Zuhause ist es allerdings natürlich irgendwann nervig für meine Familie wenn ich nach dem Training noch mit Spielern spreche, Behandlung habe oder mir nochmal das letzte Spiel angucke – das gehört aber als Profi dazu. Ich habe mein Leben immer komplett dem Handball gewidmet. Da braucht man eine tolle Partnerin an der Seite, die das mitmacht.
4. Was war die emotional schwerste Niederlage deiner Laufbahn – nicht sportlich, sondern menschlich gesehen?
Die letzten zwei Jahre. Als Kapitän hatte ich es immer relativ „leicht“ weil es bei uns gut lief. Mal hier einen Spieler einfangen, mal da mit dem Trainer reden und gut trainieren. In einer Phase wie der jetzigen gehört allerdings viel mehr dazu und das musste ich jetzt lernen. Von mir als Kapitän, muss ich mir leider eingestehen, hätte es mehr gebraucht. Das werde ich jetzt im Jahr 2026 angehen!
5. Viele reden über mentale Stärke: Was bringt dich persönlich wirklich aus dem Gleichgewicht – und wie holst du dich daraus zurück?
Wenn ich mein Selbstvertrauen verliere oder gegen Torhüter werfen muss, gegen die ich immer schlecht aussah. In beiden Fällen versuche ich mir selbst zu zeigen, was ich kann. Ich gucke mir Spiele von mir an und sehe, es gibt keinen Grund sein Selbstvertrauen zu verlieren. Natürlich gucke ich mir dann auch nur die guten Spiele von mir an. In unserem Sport ist Selbstvertrauen essenziell und ich kann es mir nicht leisten, dieses zu verlieren.
6. Wenn du ein Spiel deiner Karriere komplett neu spielen dürftest: Welches wäre es, und was würdest du anders machen?
Uff da gibt es natürlich einige in einer langen Karriere. Ich würde gerne nochmal unser Spiel im Final Four in Hamburg spielen. Ich habe zwar sehr gut gespielt gegen Kiel, allerdings würde ich es gerne nochmal genau so spielen und es versuchen noch mehr wirklich zu genießen 😉
7. Welche Rolle im Team liegt dir mehr: der laut führende Typ oder der stille Performer – und hat sich das über die Jahre verändert?
Es hat sich in den letzten Jahren etwas vom lauten Leader zum stillen Performer gewandelt. Nun muss ich beides vereinen, denn meine Jungs brauchen mich vor allem als Leader in dieser schweren Phase. Das liegt mir auch am besten!
8. Was sehen deine Fans auf dem Spielfeld von dir, das eigentlich gar nicht deinem wahren Charakter entspricht?
Einen lauten, rumschreienden Mann in kurzen Hosen!
9. Gibt es einen Mitspieler oder Trainer, der dich unbewusst mehr geprägt hat als alle anderen – obwohl er vielleicht nie im Rampenlicht stand?
Christian Prokop ist der Trainer der mich am meisten gefördert hat und enorm viel in mir gesehen hat. Mit ihm habe ich meine größten Erfolge gefeiert und eine Handballzeit erlebt, die ich nie vergessen werde.
10. Wenn du ehrlich bist: Spielst du heute noch aus reiner Leidenschaft – oder auch, weil bestimmte Erwartungen (von außen oder an dich selbst) dich antreiben? Und welcher dieser beiden Antriebe ist stärker?
Ich kann dieses Spiel nur aus Leidenschaft spielen. Wenn ich das nicht mache, werde ich schlechter oder mein Team schlechter. Wir brauchen einen leidenschaftlichen Anführer auf dem Spielfeld und der will ich bis zum letzten Abpfiff auch sein!