Interview mit Joanna Granicka

Interview mit Joanna Granicka
Wenn man Joanna Granicka beobachtet, fällt zuerst ihre Klarheit auf. Auf dem Spielfeld übernimmt sie Verantwortung, ordnet das Spiel, trifft Entscheidungen – ruhig, konzentriert, ohne großes Aufheben. Abseits der Halle ist sie genau das Gegenteil von laut: aufmerksam und freundlich. Die Rückraumspielerin des VfL Oldenburg gehört zu jener Generation von Spielerinnen, die früh lernen mussten, mit Erwartungen umzugehen, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen.
 
Johanna wirkt nie geschniegelt oder inszeniert. Sie spricht über Erfolge genauso unaufgeregt wie über Zweifel, hört zu, bevor sie antwortet, und lässt Raum für Zwischentöne. Wer mit ihr ins Gespräch kommt, merkt schnell, dass hier jemand steht, der den Leistungssport ernst nimmt, sich selbst aber nicht über ihn definiert. Genau diese Mischung aus Ehrgeiz und Bodenständigkeit macht sie greifbar – als Sportlerin ebenso wie als Mensch. Mein Gespräch mit ihr ist kein Schlagabtausch aus Phrasen, sondern ein leiser Blick hinter die Kulissen einer jungen Karriere, die hoffentlich noch lange anhält.
1. Du bist relativ jung schon ziemlich weit gekommen – in welchen Momenten fühlst du dich trotzdem noch wie jemand, der gerade erst anfängt?
Ich denke, dass eine Sportkarriere viele Momente umfasst, in denen man viele Neuanfänge spürt. Ich glaube, dass es mir schwerfällt, einen Moment in meiner Kindheit zu finden, in dem ich gesagt habe: „Okay, ab heute beginnt meine Sportkarriere.“ Ich habe schon immer geliebt, was ich tue, und wollte mich weiterentwickeln und immer besser werden. Natürlich bin ich stolz darauf, wo ich hingekommen bin, und als Kind habe ich davon geträumt, aber das ist noch nicht das Ende. Ich sehe noch viele Bereiche in meinem Leben, in denen ich mich weiterentwickeln kann. Sportlich, Jede Veränderung, z. B. die Liga oder die Mannschaft, ist ein Moment großer Umstellung, in dem ich zunächst das Gefühl habe, dass ich viel lernen muss, aber genau deshalb mache ich es. Weil ich mich ständig weiterentwickeln möchte. 
 
2. Als du wusstest, dass du nach Oldenburg wechselst: Was war die erste Sache, die dir plötzlich wichtig wurde, obwohl sie mit Handball nichts zu tun hatte?
Ich denke, dass der Wechsel nach Oldenburg in die erste Bundesliga etwas war, worauf ich schon lange hingearbeitet habe. Als ich in der zweiten Bundesliga spielte, habe ich immer um meine Entwicklung gekämpft, um das Niveau zu erreichen, auf dem ich mich später in der besten deutschen Liga weiterentwickeln konnte. Ich glaube, als dieser Moment kam, gab es außerhalb des Spielfelds keine eine Sache, die mich plötzlich überrascht hat. Denn ich weiß immer, was mir außerhalb des Spielfelds wichtig ist. Dinge wie Education, Selbstentwicklung, das Gefühl, dass ich mich an meinem aktuellen Ort in vielen Bereichen weiterentwickeln kann, sind mir immer wichtig und ich habe sofort darauf geachtet.

3. Du spielst eine Position, auf der viel Verantwortung liegt – was überfordert dich manchmal daran, obwohl du nach außen sehr ruhig wirkst?
Die Aufgaben, mit denen sich die Rückraum Spielerinnen konfrontiert müssen, sind etwas, was ich an diesem Sport liebe. Ich spiele gerne mit meinen Mitspielerinnen zusammen und treffe Entscheidungen, die taktisch über den Ausgang eines Spiels entscheiden können. Wenn ich Trainer treffe, die erkennen, dass ich ein gutes Auge für diesen Sport habe, bin ich sehr dankbar und übernehme diese Verantwortung gerne. 
 
4. Welche Entscheidung in deiner bisherigen Laufbahn sah für andere ganz logisch aus, war für dich innerlich aber ein echtes Ringen?
Das ist schwer zu sagen. Ich konzentriere mich auf mich selbst und schaue nicht so sehr darauf, was für andere logisch sein könnte und was nicht. Mit der Unterstützung der Menschen, die mich von Anfang an unterstützten, und selbst versuche ich immer, die besten Entscheidungen für meine Entwicklung zu treffen. Das ist nie einfach, wenn es darum geht, mein Zuhause und die Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, zu verlassen. Aber ich denke, so ist das Leben, manchmal können sich die schwersten Entscheidungen als die besten erweisen. Man weiß nie, was auf einen zukommt, und vielleicht sind es nicht die einfachsten Entscheidungen, aber ich höre auf mein Bauchgefühl, und wenn ich am Ende des Tages glücklich bin, ist das für mich das Wichtigste. Das ist nicht ganz einfach, weil ich, ehrlich gesagt, jemand bin, der Zeit braucht, um sich einzugewöhnen, aber nach ein paar Jahren fern von zu Hause muss ich sagen, dass ich auf meinem Weg einige wichtige Menschen kennengelernt habe und selbst so viel gelernt habe, sodass ich diese Entscheidungen niemals rückgängig machen würde. 
 
5. Was ist etwas, was für dich in Polen ganz selbstverständlich war – was du aber in Deutschland erst neu lernen musstest?
Natürlich werde ich immer daran denken, dass das Lernen der Sprache an erster Stelle stand, denn es ist der Schlüssel zu einer guten Kommunikation. Ich will damit nicht sagen, dass Englisch für internationale Transfers nicht ausreicht, aber ich war bisher in Teams, in denen die meisten, wenn nicht sogar alle, aus Deutschland kamen, also hing es natürlich von mir ab, wie schnell ich lernen wollte. Außerdem kann ich natürlich sagen, dass ich wirklich alles lernen musste. Ich bin sehr jung ausgezogen, also stand ich erst am Anfang meiner professionellen Karriere. Dazu kam eine neue Lebens- und Trainingskultur. Und vor allem musste ich lernen, wie man alleine fern von der Familie lebt. 
 
6.Wenn Menschen dich nur vom Spielfeld kennen: Welche Facette von dir würden sie nie vermuten?
Diese Frage würde ich gerne meinen Liebsten stellen. Aber ich kenne meine Familie gut und weiß, dass sie spaßig, weil es vielleicht bisschen negativ ist, aber ehrlich sagen würden, dass ich mich ziemlich schnell aufrege, wenn etwas nicht nach meinem Willen läuft. Vielleicht bin ich nicht mehr so aufbrausend wie als Kind. Aber mir ist es bewusst, dass es manchmal vorkommt. Vielleicht liegt es daran, dass ich immer möchte, dass alles perfekt läuft. Aber das ist nicht immer der Fall, und das muss ein Sportler/eine Sportlerinn schnell akzeptieren und aus seinen Fehlern lernen können. 
 
7. Wenn du ehrlich bist: In welchen Momenten fühlst du dich am meisten missverstanden?
Hmmm, ehrlich gesagt habe ich darüber noch nie nachgedacht. Ich denke, dass jeder Mensch sich manchmal so fühlen kann, weil jeder anders ist und niemand in unseren Kopf hineinspringen kann. Deshalb versuche ich, mich in schwierigen Momenten nicht mit solchen Gedanken zu belasten, und wenn es doch passiert, suche ich Hilfe bei Menschen, die mich verstehen können. Natürlich ist jede Situation anders, deshalb gibt es keine einzige richtige Antwort darauf. 
 
8. Was hast du erst gemerkt, seit du nicht mehr „nur Talent“, sondern auch Erwartung bist?
Ich glaube, ich sehe mich selbst nicht als eine große Erwartung. Es ist klar, dass ein Spieler/eine Spielerinn besser und erfahrener wird, je mehr Verantwortung er in verschiedenen Bereichen übernimmt. Aber das ist etwas, woran man arbeitet, und wenn man diesen Punkt erreicht hat, sollte man nicht an seinen Fähigkeiten zweifeln. Ich versuche einfach, in jeder möglichen Situation auf dem Spielfeld oder außerhalb davon die mir zugewiesene Rolle so gut wie möglich zu erfüllen. 
 
9. Wenn du einen schlechten Tag hast, was hilft dir mehr: Ablenkung oder Konfrontation – und warum genau das?
Das ist eine sehr gute Frage. Natürlich ist die Konfrontation mit Problemen und schwierigen Situationen oder traurigen Gedanken der Schlüssel zur Entwicklung und Arbeit an sich selbst. Aber ist das einfach? Natürlich nicht. Ich werde nicht lügen, dass ich ständig an mir arbeite, und es gibt viele Momente, in denen ich mich mental sehr verloren fühle. Aber ich arbeite daran. Ich versuche, Probleme nicht ungelöst zu lassen. Aber ich will nicht verheimlichen, dass jeder Mensch manchmal einen Moment für sich braucht, in dem sein Kopf sich ausruhen kann oder er sich ein wenig schwer fühlt. Ich liebe es, mit meinen Liebsten zu reden oder Zeit mit ihr zu verbringen, ohne mich immer nur auf Handball zu konzentrieren, oder ein gutes Buch zu lesen, das nicht immer nur mit Sport zu tun hat. 

10. Was wünschst du dir, dass Menschen über dich sagen würden, selbst wenn sie kein einziges Spiel von dir gesehen haben?

Am liebsten kann sich jeder seine eigene Meinung über mich bilden, wenn er mich außerhalb des Spielfelds kennenlernen möchte. Natürlich möchte ich, dass die Menschen mich nicht nur als eine gute Sportlerinn sehen, sondern auch als guter Mensch. Aber ich bin auf jeden Fall eher offen gegenüber Menschen und immer bereit zu helfen, wenn jemand Hilfe braucht.

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