Heute spreche ich mit Rúnar Sigtryggsson, einem der profiliertesten isländischen Handballtrainer und ehemaligen Nationalspielern seiner Generation. Geboren am 7. April 1972 in Akureyri, blickt Sigtryggsson auf eine mehr als zwei Jahrzehnte währende Karriere im internationalen Handball zurück – sowohl als Spieler als auch als Trainer. Als Spieler war er unter anderem in der spanischen Liga bei BM Ciudad Real aktiv, gewann bedeutende Titel und bestritt 118 Länderspiele für Island inklusive der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2004.
Nach seiner aktiven Zeit übernahm Sigtryggsson zahlreiche Trainerstationen in Deutschland – unter anderem beim ThSV Eisenach, EHV Aue und HBW Balingen-Weilstetten –, bevor er 2022 die Verantwortung beim SC DHfK Leipzig in der Handball-Bundesliga übernahm. Nach drei Jahren in Leipzig löste er dort im Frühjahr 2025 seinen Vertrag auf und wechselte unmittelbar zur HSG Wetzlar, wo er aktuell als Cheftrainer tätig ist.
In unserem Gespräch geht es nicht um Resultate oder Tabellenplätz: Wir sprechen über Entscheidungen, die in seiner Karriere stark kritisiert wurden und die er trotzdem wieder genauso treffen würde, über seine Sicht auf moderne Regeln im Handball, über Persönlichkeitstypen im Team und darüber, welche Werte auch außerhalb des Sports seine tägliche Arbeit als Coach formen.
Welche Entscheidung als Trainer würdest du heute genauso wieder treffen, obwohl sie damals massiv kritisiert wurde?
Die meisten Entscheidungen würde ich genauso wieder treffen – abgesehen von den falschen natürlich, sofern es diese Option gäbe. Fehlentscheidungen gehören dazu, wenn man viele Entscheidungen treffen muss. Kritik von außen ist Teil des Trainerberufs, allerdings sind Trainer meist ihre eigenen größten Kritiker.
Angenommen, du dürftest eine einzige Regel im modernen Handball ändern – nicht aus Fairness-, sondern aus emotionalen Gründen: Welche wäre das?
Der siebte Feldspieler macht das Spiel meiner Meinung nach langweiliger und weniger interessant.
Welcher Spielertyp bringt dich innerlich mehr ins Grübeln: der hochbegabte Egoist oder der limitierte, aber kompromisslose Teamspieler?
Keiner von den beiden, ich möchte als Trainer beide Typen in meiner Mannschaft haben.
Gab es einen Moment, in dem du bewusst gegen deine eigene Handball-Philosophie gehandelt hast – und was hast du daraus gelernt?
Ja, man sollte aber immer sich selbst sein.
Welche Eigenschaft aus der isländischen Mentalität fehlt dem internationalen Spitzenhandball am meisten?
Das kann ich nicht beurteilen. Wir sind halt nicht spitze, sondern in der Top 15 des Welthandballs.
Wenn deine Mannschaft ein Musikstück wäre – welches Genre würde sie aktuell spielen und warum?
Rock, weil es so vielfältig ist. Aber am besten ist Guitar Rock.
Was ist die wichtigste Lektion, die du außerhalb des Sports gelernt hast und die heute dein Coaching stärker prägt als jede Trainerlizenz?
Das Leben geht weiter.
Welches Spiel deiner Karriere würdest du gerne noch einmal coachen – nicht um das Ergebnis zu ändern, sondern um dich selbst zu beobachten?
Dann würde ich das Pokalfinale 2020 noch einmal coachen.
Wenn du in 20 Jahren nicht mehr als Trainer, sondern nur noch als Mensch beurteilt werden würdest: Womit sollten sich deine Spieler an dich erinnern?
Bis jetzt ist es so, dass die meisten Spieler mit zeitlichem Abstand nachvollziehen können, warum so gehandelt wurde – auch wenn sie es in der jeweiligen Situation nicht sofort gesehen oder verstanden haben. Denn die Mannschaft steht über allem, und Entscheidungen werden stets im Sinne des Teams getroffen.