1. Welche Version von dir sitzt heute hier und beantwortet meine Fragen – und welche musste dafür leise werden?
Eine Version, die schon an den nächsten Job denkt, um ehrlich zu sein. Ich stecke momentan in den letzten Vorbereitungen für das morgige (erste reguläre) NBA-Spiel auf deutschem Boden, bei dem ich für adidas einen Talk moderiere. Das ist wieder was Neues für mich, aber super aufregend und ich hab echt Bock. Was dafür in mir leise werden muss? Zum einen das Verlangen nach Stressfreiheit und Schlaf, und vielleicht auch die Zweifel, dass irgendetwas zu viel sein könnte oder man etwas nicht schafft. Ich bin der festen Überzeugung, dass man viel mehr schafft, als man denkt, wenn man wirklich will.
2. Wenn dein journalistischer Blick ein Charakterzug wäre – welcher wäre er, und wann wird er dir selbst zur Last?
Wenn mein journalistischer Blick ein Charakterzug wäre, dann wäre es respektvolle Neugier. Ich will verstehen, nicht unbedingt entlarven. Mich interessiert, warum Menschen handeln, wie sie handeln – und was hinter ihren Entscheidungen steckt. Mir wurde früh nachgesagt, dass ich schnell auf einer entspannten, vertrauensvollen Ebene mit fremden Menschen ins Gespräch komme. Das kommt mir im journalistischen Alltag definitiv zugute.
Gleichzeitig merke ich, dass ich mich sehr oft in die Athletinnen und Athleten hineinversetze. Das ist eine Stärke, kann aber auch dazu führen, dass meine Objektivität leidet. Zu unserem Beruf gehört es manchmal, unangenehme Fragen zu stellen – und genau das fällt mir in solchen Momenten nicht immer leicht.
3. Welche Frage stellst du anderen regelmäßig, beantwortest sie dir selbst aber nur ungern?
„Warum gerade diese?“
Bei jedem Spiel oder Wettkampf gibt es Gewinner und Verlierer. Eine der schwierigsten Fragen – sowohl für den Interviewer als auch für die Befragten selbst – ist die nach den eigenen Fehlern oder dem eigenen Scheitern, besonders so kurz nach einem großen Moment.
Ich habe großes Verständnis für Sportlerinnen, Sportler oder Trainer, die mit dieser Einordnung hadern. Wenn ich daran denke, nach einer für mich gefühlt schlechten Sendung meine eigenen Fehler und deren Ursachen benennen zu müssen, dann wäre genau das die Frage, die ich selbst nur ungern beantworten würde.
4. In welcher Situation hast du zuletzt gemerkt, dass Zuhören mutiger war als Nachfragen?
Ich hatte einmal ein Interview mit Christoph Harting, in dem er sehr offen über seine Depression gesprochen hat. Zu dieser Zeit gab es einen ähnlichen Fall in meinem Freundeskreis, was mich emotional sehr getroffen hat.
Christoph hat glücklicherweise viel von sich aus erzählt. In diesem Moment war ich sehr dankbar dafür, weil mich seine Geschichte – und vor allem seine Offenheit und Reflektiertheit – wirklich sprachlos gemacht haben.
5. Was war die lehrreichste Fehleinschätzung, die du je über einen Menschen (Interviewpartner) hattest – beruflich oder privat?
Eine meiner lehrreichsten Fehleinschätzungen war die Annahme, dass große sportliche Erfolge automatisch mit Distanz oder Arroganz einhergehen. Mit dem Einstieg in den Beruf habe ich schnell gemerkt, dass auch die Superstars des Sports vor allem eines sind: Menschen, die sehr hart für ihren Erfolg gearbeitet haben und weiterhin arbeiten müssen.
Viele sind bodenständig und sehr umgänglich – das hat mich in den ersten Interviews oft positiv überrascht. Am Ende kochen wir alle nur mit Wasser, die einen etwas besser, die anderen etwas schlechter.
6. Was hat dich ein Interview über dich selbst gelehrt, obwohl es eigentlich um jemand anderen ging?
Ich komme selbst aus Individualsportarten, und mich erstaunt und begeistert immer wieder die Haltung und Teammentalität von Mannschaftssportlern. Gerade im Basketball fällt mir auf, wie viele Werte, wie viel gegenseitiger Respekt und welches Commitment Spieler in Interviews gegenüber ihren Teammates zeigen.
Das hat mir selbst vor Augen geführt, wie entscheidend Vertrauen, Verantwortung und Zusammenhalt sind, um als Team zu funktionieren – und dass genau diese Prinzipien auch abseits des Sports eine große Rolle spielen. Diese Erkenntnis versuche ich bewusst in mein eigenes Umfeld mitzunehmen.
7. Welche Meinung hast du heute, die dein früheres Ich vermutlich schockiert hätte? Was hat diesen Wandel ausgelöst?
Dass ich in Live-Sendungen inhaltlich und sprachlich weitestgehend eigenverantwortlich bin. Mein früheres Ich ist davon ausgegangen, dass viel mehr mit Teleprompter gearbeitet wird, als es tatsächlich der Fall ist.
Heute weiß ich: Wenn ich etwas Falsches sage, ist das meine Verantwortung. Dieser Perspektivwechsel – weg von vermeintlicher Absicherung hin zu voller Eigenverantwortung – war am Anfang herausfordernd, hat mich aber journalistisch enorm wachsen lassen.
8. Angenommen, deine Arbeit hätte keinen Titel und kein Format – woran würdest du trotzdem erkennen, dass sie „gelungen“ ist?
Für mich gehören mein Job und der Sport zur Entertainment-Branche. Es war ein guter Arbeitstag, wenn ich Spaß an der Übertragung hatte, diesen transportieren konnte und mindestens ein Interviewpartner der Sendung ein kleines Lächeln auf den Lippen hatte.
9. Was hat dich ein Interview über dich selbst gelehrt, obwohl es eigentlich um jemand anderen ging?
Ein Teil meiner Familie und meiner Freunde lebt weiter weg. Dadurch bekommen diese Beziehungen im Moment weniger Aufmerksamkeit, als sie eigentlich verdienen. Außerdem würde ich in den nächsten Jahren gerne wieder mehr ein Gefühl von Heimat und Zuhause entwickeln, wo auch immer das sein mag.
10. Wenn dieses Gespräch am Ende nur eine Erkenntnis hinterlässt – welche dürfte es sein?
Dass hinter jeder sportlichen Leistung ein Mensch steht – mit Leidenschaft, Geschichten, Zweifeln und Momenten, die von außen oft gar nicht sichtbar sind. Es lohnt sich, genau hinzusehen, zuzuhören und diese Geschichten zu erzählen.
Ich habe die Auffassung, dass es in meinem Job weniger um mich selbst, sondern um die unfassbaren Leistungen anderer Menschen geht – und diese müssen in meinen Augen gewürdigt werden. Sport war für mich immer die einzige Konstante im Leben. Wenn es mir schlecht ging, war es nach dem Training immer besser. Nichts auf der Welt bringt Menschen auf so schöne Weise zusammen und löst solche Emotionen aus.
Es ist ein absolutes Privileg, in dieser Branche arbeiten zu können. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Wert von Sport abseits von Ästhetik und Schönheitsidealen erkennen und bewusst in ihr Leben integrieren.