Ich kenne Doruk Pehlivan aus den Arenen, also aus Momenten, in denen alles schnell geht. In denen Entscheidungen in Sekunden fallen und Emotionen keinen Filter haben. Ich sah bis jetzt den Kämpfer, seine Körpersprache, seine Energie. Ich sehe einen Handball-Profi des HC Elbflorenz, der viel Verantwortung übernimmt.
Aber ich habe mich gefragt: Wer sitzt mir eigentlich gegenüber, wenn das Elbflorenz-Trikot ausgezogen ist? Wenn keine Zuschauer da sind, kein Applaus, kein Druck von außen? Wer ist Doruk Pehlivan, wenn er einfach nur Doruk ist?
Genau darüber wollte ich mit ihm sprechen. Nicht über das tägliche Handballgeschäft. Sondern über Zweifel, Stolz, über Tage, an denen man mit sich selbst hadert. Über kleine Gesten, die ihm mehr bedeuten als große Worte. Über das, was man im Fernsehen nicht sieht – und vielleicht auch nicht sehen soll.
Unser Gespräch ist für mich kein klassisches Interview geworden. Es ist (m)ein Versuch, hinter das Offensichtliche zu schauen. Den Menschen Doruk kennenzulernen und nicht nur den Sportler, um vielleicht am Ende zu verstehen, was von jemandem bleibt, wenn man das Trikot einmal weglässt.
1. Doruk, bevor ich zu meinen eigentlichen Fragen komme – mit wem spreche ich hier gerade, so ohne HC Elbflorenz Trikot und ohne Ball in der Hand?
Ohne Ball bin ich vermutlich jemand, der zu Hause sitzt und Dinge bastelt, die ich online gesehen habe und bei denen ich mir denke: Das muss ich auf jeden Fall selbst ausprobieren. Ansonsten bin ich gerne im Gym, am liebsten mit Metal-Musik auf den Ohren – oder ich bin wahrscheinlich gerade damit beschäftigt, ziemlich viel zu essen.
2. Wenn ich dich einen Tag lang außerhalb der Halle begleiten würde – was würde ich sehen, womit keiner rechnet?
Wie ich bereits bei der ersten Frage gesagt habe, bin ich ein sehr kreativer Mensch. Seit meiner Kindheit beschäftige ich mich mit Kunst, und ich male und bastle sehr gerne. Viele Menschen sind ein wenig überrascht, wenn sie herausfinden, dass ein 201 cm großer und 118 kg schwerer Mann abends zu Hause sitzt, bastelt und dabei einen Podcast hört.
3. Worüber kannst du dich im Alltag herrlich aufregen, obwohl es eigentlich total banal ist?
Ich habe bereits einige feste Routinen. Wenn jemand meinen Platz wegnimmt oder ich meine Aufwärmroutine nicht vollständig durchziehen kann, fühlt sich das innerlich ein wenig falsch an.
4. Welche Version von dir sieht man im Fernsehen – und welche sieht nur dein engster Kreis?
Hoffentlich sehen die Leute im Fernsehen einen Doruk, der immer 100 % gibt und seiner Mannschaft so gut hilft, wie er nur kann. In meinem engsten Kreis sehen die Menschen vielleicht jemanden, der nicht so gruselig ist, wie er aussieht, und fast immer gut gelaunt ist.
5. Was ist ein Vorurteil über Profisportler, bei dem du innerlich denkst: „Wenn ihr wüsstet …“?
Dass Sport immer etwas Gesundes ist. Ich höre sehr oft: „Du bist ja Sportler, du bist bestimmt topfit und sehr gesund.“ Dabei ist Profisport in Wirklichkeit extrem belastend für den Körper, und viele Profisportler opfern ihre Gesundheit, um erfolgreich zu sein und sich jeden Tag weiterzuentwickeln.
6. Gibt es etwas, das dich nach einem Tor mehr freut als der Applaus? Vielleicht ein Blick, ein Satz, ein Gedanke?
Zu sehen, dass die Menschen, die ich liebe, stolz auf mich sind und meine Mannschaftskollegen sich mit mir freuen, ist mehr als genug für mich.
7. Welche kleine Geste von Fans bedeutet dir mehr, als sie vielleicht ahnen?
Wenn mir jemand Fanpost schickt und mich um ein Autogramm bittet, denke ich jedes Mal, dass ich gar nicht so „cool“ bin, dass jemand so etwas von mir möchte. Leider bin ich darin nicht besonders gut, und manchmal vergesse ich sogar, etwas zurückzuschicken. Das tut mir leid, falls das jemand liest – aber ich freue mich wirklich jedes Mal riesig darüber.
8. Wer ruft dich nach einem schlechten Spiel an – und was sagt diese Person, das dir wirklich hilft?
Meine Eltern waren beide Handballspieler. Deshalb habe ich, seit ich selbst mit dem Handball angefangen habe, praktisch zwei Trainer zu Hause. Ich bekomme sogar Videoclips geschickt, in denen zu sehen ist, was ich gut oder schlecht gemacht habe, und wir reden oft stundenlang darüber, wie ich mich noch weiter verbessern kann.Meine Eltern waren beide Handballspieler. Deshalb habe ich, seit ich selbst mit dem Handball angefangen habe, praktisch zwei Trainer zu Hause. Ich bekomme sogar Videoclips geschickt, in denen zu sehen ist, was ich gut oder schlecht gemacht habe, und wir reden oft stundenlang darüber, wie ich mich noch weiter verbessern kann.
9. Wann fühlst du dich verletzlicher – auf dem Spielfeld vor 3.000 Leuten oder in einem ehrlichen Gespräch unter vier Augen?
Natürlich ist es traurig, wenn auf dem Spielfeld etwas schiefläuft, aber am Ende des Tages ist es nur Sport, und es gibt wichtigere Dinge im Leben. Ich glaube, jeder wäre verletzlicher, wenn man über etwas Wichtiges mit einer Freundin, einem engen Freund oder einem Familienmitglied spricht.
10. Wann bist du besonders streng mit dir selbst – und wann überraschend nachsichtig?
Durch meine zwei Trainer zu Hause musste ich immer sehr diszipliniert sein, und das wurde mit der Zeit zur Gewohnheit. Ich versuche, egal was ich tue, immer mein Bestes zu geben – ganz gleich, ob es Kochen oder Handballspielen ist. Außerdem versuche ich, mir über Dinge, die ich nur wenig beeinflussen kann, nicht zu viele Gedanken zu machen. Natürlich ist das nicht immer einfach, aber ich denke, dass ich es meistens ganz gut hinbekomme.
11. Wie gehst du mit Tagen um, an denen du dich selbst nicht leiden kannst?
Ich kann mich selbst fast nie richtig leiden. An den seltenen Tagen, an denen das doch der Fall ist, zocke ich gerne mit meinen Freunden oder höre einen Podcast, während ich mich – wie so oft – mit irgendeinem Kunstprojekt beschäftige. Das hilft mir dabei, nicht so viel nachzudenken.
12. Gab es mal einen Moment, in dem du dachtest: „Warum tue ich mir das eigentlich an?“ – und was hat dich dabei bleiben lassen?
Natürlich denkt man so, wenn man seit Jahren tausende Kilometer von seiner Familie und seinen Freunden entfernt lebt. Aber ich habe das mein ganzes Leben lang getan und möchte nicht aufhören, bevor ich selbst zufrieden mit dem bin, was ich erreicht habe. Ich will nicht aufhören, bevor ich das Gefühl habe, dass sich all das gelohnt hat.
13. Wann warst du zuletzt richtig stolz auf dich – als Sportler und als Mensch?
Ich bin oft stolz auf mich. Ich denke, man braucht nicht immer etwas Großes, um auf sich selbst stolz zu sein. In erster Linie bin ich stolz darauf, zufrieden mit dem Menschen zu sein, der ich bin. Ich bin dankbar für das Leben, das ich habe – auch wenn es nichts spektakulär Außergewöhnliches ist – und ich bin stolz darauf, dass ich mir dieses Leben selbst aufgebaut habe.
14. Wenn Handball morgen nicht mehr existieren würde – was, glaubst du, würde dir am meisten fehlen?
Ich kann mir nicht vorstellen, wie mein Leben ohne Handball wäre. Meine Eltern haben sich durch den Handball kennengelernt, jahrelang selbst gespielt und sind seit rund 40 Jahren mit dem Sport verbunden – als Spieler, Trainer oder im Verband. Ohne den Handball, glaube ich, wäre ich nie geboren worden. (lacht laut)
15. Was bedeutet „Heimat“ für dich – ein Ort, bestimmte Menschen oder eher ein Gefühl?
Heimat bedeutet für mich in erster Linie natürlich Ankara, wo ich 19 Jahre meines Lebens zusammen mit meiner Familie und meinen Freunden verbracht habe. Außerdem bedeutet Heimat, in der Nähe der Menschen zu sein, die mir wichtig sind, sowie der Freunde, mit denen ich gerne Zeit verbringe.
16. Wenn dieses Interview vorbei ist und du später allein darüber nachdenkst – was hoffst du, bleibt von diesem Gespräch über dich hängen?
Dass ich dankbar bin für alles dass ich habe und was ich machen darf, und jeden Tag versuche, mich als Sportler, Künstler und als Mensch weiterzuentwickeln