Er steht oft im Fokus, meist unter Spannung, fast immer mit klarer Haltung. Bennet Wiegert wird öffentlich vor allem als Trainer wahrgenommen: ehrgeizig, konsequent, erfolgreich. Einer, der Entscheidungen trifft – und Verantwortung trägt.
Doch hinter der Seitenlinie beginnt eine andere Ebene. Eine, über die im Handball selten gesprochen wird. Zweifel, innere Konflikte, leise Momente nach lauten Spielen. Gedanken, die bleiben, wenn die Halle längst leer ist.
In meinem Interview mit Bennet geht es nicht um Systeme, Tabellen oder Titel. Es geht mir um den Menschen Bennet Wiegert hinter der Rolle. Um Fragen, die sich nicht zwischen zwei Trainingseinheiten stellen, sondern eher dann, wenn es ruhig wird. Wenn Erfolge nicht mehr laut sind – und Verantwortung plötzlich persönlich wird.
Ich spreche mit Bennet Wiegert über Selbstzweifel statt Selbstverständlichkeit. Über Eigenschaften, die im Alltag schwierig, im Trainerjob aber wertvoll sind. Über Nähe, Führung, emotionale Momente – und darüber, was wirklich zählt, wenn Perfektion zweitrangig wird.
Ein Gespräch ohne Schutzschicht. Ehrlich, nahbar, offen. So, wie man Bennet Wiegert selten erlebt – aber vielleicht genau so, wie er ist.
Wann hast du zuletzt nach einem Spiel länger an dir gezweifelt als an der Mannschaft – und warum?
Grundsätzlich ist es so, dass ich mich selbst mehr hinterfrage als die Mannschaft. Ich habe großes Vertrauen in unser Team und schaue daher
zuerst bei mir, was es zu verbessern gibt. Ich reflektiere, was wir vorbereitet und gecoacht haben und analysiere, wie sich das Spiel entwickelt hat. Dabei würde ich nicht von Zweifeln sprechen, sondern
von einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess, der meiner Meinung nach in dieser Position unheimlich wichtig ist.
Gibt es eine Eigenschaft an dir selbst als Mensch, welche dir im privaten Leben manchmal im Weg steht, dir als Trainer aber trotzdem hilft?
Da gibt es ganz sicher mehrere. Wahrscheinlich ist es der Ehrgeiz, der manchmal schon sehr stark ausgeprägt ist.
Im Privatleben nicht verlieren
zu können – nicht einmal bei Gesellschaftsspielen mit der Familie – ist nicht unbedingt etwas Positives, hat mich aber als Spieler und Trainer besser gemacht.
Wenn ein Spieler dich nach Jahren beschreiben müsste – was dürfte er auf keinen Fall sagen, und was würdest du dir heimlich wünschen, dass er sagt?
Wenn irgendwann einmal ein Spieler sagt, Bennett Wiegert war ein guter
Trainer, aber ein noch besserer Mensch, würde ich das als großes Kompliment ansehen.
Umgekehrt würde es mich natürlich treffen, wenn
jemand mich als nicht so guten Menschen einschätzen würde.
Welche kleine Geste eines Spielers hat dich emotional mehr berührt als mancher Titel oder Sieg?
Davon gibt es viele. Ich bin ein großer Fan von Dankbarkeit und wenn jemand nach langer Zusammenarbeit diese Dankbarkeit äußert, macht
mich das auf jeden Fall sehr stolz.
Wie gehst du mit Tagen um, an denen du das Gefühl hast, allen gerecht werden zu müssen – Spielern, Verein, Familie –, aber dich selbst dabei verlierst?
Das ist eine große Gratwanderung. Ich habe es irgendwann abgelegt, allen gerecht werden zu wollen, aber es gibt natürlich Tage, an denen ich das Gefühl habe, dass eine Sache hinten runterfällt. Doch dabei denke ich am wenigsten an mich selbst.
Gab es eine Phase, in der du gemerkt hast, dass du dich selbst als Trainer verändern musst, um als Mensch gesund zu bleiben?
Die gibt es immer mal wieder, aber ich hoffe, dass ich inzwischen eine gute Balance gefunden habe, da das eine das andere nicht ausschließt.
Ich habe auch das Gefühl, dass ich oft den Job als Trainer brauche, um gesund zu bleiben – vor allem mental.
Was verstehen Außenstehende falsch an deiner Art zu führen – und was erklärst du schon lange nicht mehr, weil man es nur fühlen kann?
Grundsätzlich ist mir die Draufsicht von außen gar nicht so wichtig, sondern vielmehr das, was im Inneren passiert. Mir ist es immer wichtiger, die Kabine zu begeistern als die Arena. Da muss nicht jeder mit
mir einverstanden sein, aber dass man mir in der Kabine folgt, ist mir enorm wichtig.
Wenn du heute einem jungen Trainer einen einzigen ehrlichen Satz mitgeben dürftest, der nichts mit Taktik zu tun hat – welcher wäre das?
Bleib authentisch. Authentizität ist zu jeder Zeit das höchste Gut. Versuche
nicht, jemanden nachzumachen.
Wann fühlst du dich nach dem Spiel zufriedener: Wenn alles perfekt funktioniert hat oder wenn es chaotisch war, aber die Mannschaft füreinander eingestanden hat und warum?
Es gibt Situationen, in denen ich super zufrieden bin, weil der Plan von
vorne bis hinten aufgegangen ist. Es gibt aber auch Konstellationen, in denen ich zufrieden war, weil in kritischen Phasen, in denen wenig funktioniert hat, trotzdem der Kopf behalten wurde und der Erfolg über
das Team kam. Beide Seiten sind gleich zu bewerten.