Interview mit Tobi Schimon

Interview mit Tobi Schimon

Tobi Schimon gehört zu jener Generation von Sportkommentatoren, die weniger erklären wollen, was passiert – sondern warum es sich anfühlt, wie es sich anfühlt. Ob in der Halle, an der Rennstrecke oder vor dem Bildschirm: Seine Stimme begleitet sportliche Momente, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sie schafft Nähe, Rhythmus und Einordnung – oft genau dann, wenn Emotion und Bedeutung in Sekundenbruchteilen zusammenfallen.

Tobi arbeitet seit Jahren als Sportkommentator für Fernsehen und Livestreams und hat sich insbesondere im Handball und im Motorsport einen Namen gemacht. Was ihn auszeichnet, ist sein feines Gespür für Situationen: das Wissen, wann Worte tragen müssen – und wann Stille mehr erzählt als jede Formulierung. Seine Art zu kommentieren ist geprägt von Fairness, Respekt gegenüber Athletinnen und Athleten sowie einem klaren journalistischen Selbstverständnis, das Haltung nicht mit Parteinahme verwechselt.

Ich kenne Tobi schon länger, habe ihn mehrfach bei seiner Arbeit begleitet und stehe im regelmäßigen Austausch mit ihm. Dadurch durfte ich nicht nur den Kommentator erleben, den das Publikum hört, sondern auch den reflektierten Beobachter hinter dem Mikrofon: jemanden, der sich intensiv mit Sprache, Verantwortung und Wirkung auseinandersetzt. Dieses Interview ist deshalb weniger ein klassisches Frage-Antwort-Gespräch, sondern vielmehr ein Blick hinter die Kulissen eines Berufs, der oft als selbstverständlich wahrgenommen wird – obwohl er maßgeblich prägt, wie wir Sport erleben.

In den folgenden Fragen spricht Tobi Schimon über Emotion und Neutralität, über Worte, die stärker sein können als das Spiel selbst, und über die leisen Entscheidungen, die jede Live-Sekunde begleiten.

1. Wann hast du gemerkt, dass ein Kommentar ein Spiel nicht nur beschreibt, sondern für viele Zuschauer erschafft?
Das merkt man so richtig, wenn man sich nachher nochmal selbst ein Spiel anschaut und besondere Momente wie ein entscheidendes Tor oder ein Überholmanöver nochmal erlebt. Dann spürt man richtig, wie alles zusammen passt.

2. Gab es eine Situation, in der du im Nachhinein dachtest: „Meine Worte waren stärker als das Spiel selbst“?
Mit Sicherheit, gerade zu Beginn der Karriere meint man ja alles hochjazzen zu müssen. Man muss aber das Spiel sehen wie eine Oper. Da ist nicht immer nur Vollgas. Sondern die unterschiedlichen Töne machen am Ende die Musik aus. Aber man kann in jeder Situation etwas besonderes finden. 

3. Wie entscheidest du in Sekundenbruchteilen, ob du Emotion verstärkst oder bewusst dämpfst beim kommentieren?
Das lässt sich finde ich oft an den Emotionen der Zuschauer in einer Halle ablesen. Beim Motorsport ist es fast ein bisschen schwieriger. Dort braucht es ein Gespür, wie wichtig die jeweiligen Situationen in diesem Moment sind.

4. Welche Wahrheit über das Kommentieren wird im Fernsehen/Livestream nie ausgesprochen, weil sie das Bild von Objektivität stören würde?
Meistens fiebert man schon ein bisschen mit dem Underdog mit. Ohne gleich Fan von diesem zu sein. Aber jeder neutrale Fan mag doch die „David gegen Goliath“-Geschichte.

5. Wie verändert sich deine Sprache, wenn du weißt, dass Spieler oder Trainer deine Worte später hören oder lesen werden?
Gar nicht. Das versuche ich komplett auszublenden.

6. Wann wird Neutralität zur Pose – und wann zur echten journalistischen Haltung?
Wenn man ein Spiel der jeweiligen Nationalmannschaft kommentiert. Aber da ist es wie in einer großen Familie. Manchmal schaut man intern sogar noch etwas kritischer drauf.

7. Gibt es Spiele, bei denen du innerlich mehr fühlst, als du dir sprachlich erlauben dürftest? Wie gehst du mit diesem Spannungsfeld um?
Da ich ein Mensch bin, der glaube ich einen großen Fairness-Gedanken lebt, muss ich mich eigentlich kaum zügeln.

8. Welche Formulierung würdest du heute nicht mehr benutzen, obwohl sie früher völlig normal war?
Auch hier: mein sehr weltoffenes, faires und mit Werten geprägtes Selbstbild war immer so ausgelegt, dass ich nie auf irgendwelche Wortwahlen aufpassen musste. Aber ja, ich glaube jegliche Kriegsrhetorik ist heutzutage unangebracht. Wir sind nicht in einem Kampf oder einem Kriegssituation. Wir sind beim Sport. Das reicht völlig.

9. Wenn man deine Karriere nicht an Einschaltquoten, sondern an Verantwortung misst: Auf welchen Moment wärst du besonders stolz?
Ich hatte zum Glück noch nie den Fall, in einer echt gefährlichen Situation, wo es um Leib und Leben ging, am Mikrofon zu sitzen. Ich glaube, dann eher, dass man auch in einer Niederlage etwas großes sehen kann. Wie bei unseren Handballfrauen im WM-Finale 2025.

10. Angenommen, ein Spiel würde ohne Ton ausgestrahlt: Was würde dem Zuschauer am meisten fehlen – Information, Emotion oder Einordnung?
Ich denke, der Zuschauer ist oft in meinen Sportarten ein extremer Experte. Deshalb würden ihm glaube ich vor allem die Emotionen fehlen. Ein Kommentator kanalisiert genau diese und ordnet dann aber in der Emotion auch noch das Ganze meistens ordenlich ein. Wie wenn Du aus einem Musikstück den Gesang rausnehmen würdest. Das wäre oft immer noch schöne Musik. Aber irgendwas würde fehlen…
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