← Zurück zum Journal
Interviews

Interview mit Jaron Siewert

3. November 2026 admin 8 Min. Lesezeit

Jaron Siewert: Der Mann hinter dem Meistertrainer

„Es gibt Trainerkarrieren, die wie ein Bilderbuch verlaufen – und dann gibt es die von Jaron Siewert. Mit gerade einmal 31 Jahren führte der gebürtige Berliner seinen Heimatverein Füchse Berlin zur ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte, wurde jüngster Meistertrainer der Handball-Bundesliga, stand im Champions-League-Finale. Und dann, mitten im Erfolg, kam der Bruch: die überraschende Freistellung, ein zweiter Schlaganfall, ein Punkt, an dem er nach eigenen Worten ‚wirklich am Boden angekommen‘ war und alles hinterfragt hat. Wer diesen Weg kennt, spürt: Hier steckt weit mehr als Handball-Taktik dahinter – hier steckt eine Geschichte über Widerstandskraft, Demut und einen Menschen, der gelernt hat, was im Leben wirklich zählt. Genau das macht Jaron Siewert für mich zu einem der spannendsten und zugleich beeindruckendsten Gesprächspartner, die ich mir wünschen kann – jemand, vor dessen Weg und dessen Haltung ich einfach nur großen Respekt haben kann.“

(Jaron Siewert, geboren am 31. Januar 1994 in Berlin, spielte seine gesamte aktive Karriere bei den Füchsen Berlin, bevor er mit 20 Jahren in den Trainerberuf wechselte – zunächst als Nachwuchs- und Nationalmannschafts-Co-Trainer, später als Cheftrainer bei TUSEM Essen und ab 2020 bei den Füchsen Berlin. 2022 erlitt er im Alter von 28 Jahren einen ersten, leichten Schlaganfall, kehrte aber vollständig genesen zurück. 2024/25 führte er die Füchse zur ersten Meisterschaft der Klubgeschichte. Im September 2025 wurde er gemeinsam mit Sportvorstand Stefan Kretzschmar freigestellt – zwei Monate später erlitt er einen zweiten Schlaganfall. Er ist mit seiner Frau Lina verheiratet, die kürzlich den Instagram-Kanal „Timeout fürs Leben“ ins Leben gerufen hat.)

Karriere & Meisterjahr

Jaron, du hast als Kind und Jugendlicher selbst bei den Füchsen gespielt, gemeinsam mit Fabian Wiede und Paul Drux. Wie sehr fühlt sich so ein Verein irgendwann wie Familie an?

Ich habe mit sieben Jahren mit dem Handballspielen angefangen. Damals noch in einer Schul-AG und schon bald im Verein, bei den „Reinickendorfer Füchsen“. Meine ganze Jugend bestand eigentlich daraus, mit Freunden den Sport zu betreiben, der mich begeistert. Natürlich kommen und gehen einzelne Personen, je älter man wird oder je leistungsorientierter man den Sport betreibt, aber am Ende waren wir nicht nur Mitspieler, sondern auch wirkliche Freunde.

Mit nur 20 Jahren hast du deine aktive Karriere beendet, um Trainer zu werden – eine ungewöhnlich frühe Entscheidung. Was hat dich damals so sicher gemacht, dass das dein Weg ist?

Das war damals noch gar nicht so abzusehen. Bob Hanning hat mir damals zwei Wege aufgezeigt: Der erste Weg war, ein durchschnittlicher Handballer zu werden, der zweite, meinen Fokus auf die Trainerschiene zu verlegen. Im Nachhinein war es die goldrichtige Entscheidung, aber wozu es irgendwann mal reichen würde, konnte ich mir damals nicht vorstellen.

2024/25 dann der historische Moment: die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte, mit 31 Jahren jüngster Meistertrainer der Liga. Wie hast du diesen Moment erlebt, als der Titel wirklich feststand?

Es war eine Mischung aus Freude über das Geleistete, Erleichterung und Genugtuung.

Das letzte Spiel spiegelt eigentlich noch mal unsere ganze Saison wider. Wir sind auch nicht so gut gestartet, haben dann aber in der Winterpause die richtigen Schlüsse gezogen und danach kein Spiel mehr in der Liga verloren. Der Druck war immens groß, weil neben uns auch die MT Melsungen und der SC Magdeburg bis zuletzt Chancen auf den Titel hatten. Alles in allem war es ein Wechselbad der Gefühle.

Was hat dich als Trainer ausgezeichnet, junge Eigengewächse wie Nils Lichtlein oder Tim Freihöfer genauso zu Leistungsträgern zu machen wie internationale Stars zu integrieren?

Das sollen andere beurteilen, besonders die Spieler, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Grundsätzlich hatten wir bei den Füchsen ein gutes Umfeld. Die Mannschaft war hochprofessionell eingestellt und menschlich einfach Weltklasse. Die erfahrenen Spieler wussten ihre Rollen auszufüllen und haben die jungen Spieler mit angeleitet. Ich glaube, dass Vertrauen ein ganz wichtiger Faktor ist – egal in welcher Hinsicht, ob Selbstvertrauen, Vertrauen vom Trainer oder Vertrauen von der Mannschaft. Und eine wichtige Zutat ist, ob ein Spieler wirklich lernfähig ist und Kritik annimmt. Dabei spielen das Alter oder die Erfolge keine Rolle.

Der Bruch – und der Schlaganfall

Der Abschied von den Füchsen kam für viele überraschend, mitten in einem laufenden Vertrag. Wie hast du diese Zeit rückblickend verarbeitet?

Ich habe mir erst mal Zeit für mich und meine Familie genommen. Natürlich war es damals eine harte Entscheidung, besonders wenn sie gegen einen getroffen wird. Es waren aber schöne fünf Jahre in Berlin mit einigen Erfolgen – das sollte in Erinnerung bleiben und nicht, wie es zu Ende gegangen ist.

Du hast gesagt, du hättest damals „alles hinterfragt“. Was genau hat sich für dich verändert – im Blick auf deinen Beruf, aber auch auf dich selbst?

Das Wichtigste sind die Familie und die wirklich engen Freunde. Das muss immer die Basis deines Lebens sein, weil du dich auf diese Personen immer verlassen kannst, egal wie erfolgreich du in deinem Job bist. Es kann alles so schnell vorbei sein, also genieße mehr den Moment und mach keine langfristigen Pläne, die du nicht auch selbst beeinflussen kannst.

Die Ärzte konnten dir mittlerweile versichern, dass der Schlaganfall nicht durch Stress, sondern durch ein Medikament ausgelöst wurde. War das für dich eine Erleichterung – auch mit Blick auf eine Rückkehr in den Trainerberuf?

Definitiv! Ich hätte mich und meine Familie nicht dem Risiko ausgesetzt, wenn es ärztliche Bedenken im Zusammenhang mit meinem Beruf gegeben hätte.

Was würdest du anderen Menschen sagen, die selbst einen Schlaganfall erlebt haben oder Angehörige haben, die betroffen sind?

Niemals den Mut und die Zuversicht verlieren – egal wie dunkel die Wolken am Horizont auch erscheinen mögen. Steckt euch kleine Ziele und arbeitet hart dafür, dann werden sie auch irgendwann Realität.

Privat – Familie & Lina

Deine Frau Lina hat vor Kurzem den Instagram-Kanal „Timeout fürs Leben“ gestartet. Wie viel von eurer gemeinsamen Geschichte steckt in diesem Projekt?

Meine Frau will etwas zurückgeben, betroffene Familien und Angehörige aufklären und ihnen Mut spenden. Natürlich steckt auch das Erlebte von uns beiden in dem Projekt, aber besonders die Sichtweise und die Sorgen und Nöte meiner Frau.

Wie hat Lina dich in dieser schweren Zeit aufgefangen – und was hat diese Erfahrung mit eurer Beziehung gemacht?

Zum Glück ist es im häuslichen Umfeld passiert, also war meine Frau von der ersten Minute an an meiner Seite. Sie hat mich mental extrem unterstützt, mich aber auch motiviert, weiter an mir zu arbeiten. So ein Schicksalsschlag ist eine enorme Probe für eine Beziehung, und wir sind gestärkt und noch enger verbunden daraus hervorgegangen.

Wenn du heute an einem ganz normalen freien Tag aufwachst – wie sieht der für dich aus, fernab von Handball und Trainerbank?

Der beginnt relativ früh, weil ich kein Langschläfer bin. Meine beiden Söhne, oder zumindest einer von beiden, sind meistens auch schon wach. Dann wird gelesen, gespielt und mit dem Hund rausgegangen. Anschließend holen wir Brötchen und frühstücken als ganze Familie. Für mich ist das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages, und ich liebe es, so in den Tag zu starten. Der Rest des Tages gehört komplett der Familie, und ich richte mich nach den sportlichen Aktivitäten oder den Wünschen für die Freizeitgestaltung.

Hat sich durch das, was du erlebt hast, dein Blick darauf verändert, was im Leben wirklich wichtig ist?

Auf jeden Fall. Wie schon gesagt, rücken die Familie und das Leben an sich mehr in den Fokus. Man definiert sich weniger über den Sport oder die Erfolge, die man gefeiert hat.

Ich versuche in allererster Linie, ein guter Ehemann, ein Vorbild für meine Kinder und ein ehrlicher Freund zu sein.

Der Blick nach vorn

Mit der MT Melsungen hast du deine nächste Station gefunden – ab Sommer 2027 übernimmst du dort als Cheftrainer, während du jetzt schon hinter den Kulissen mit einsteigst. Wie fühlt sich diese neue Aufgabe an, mit allem, was du in den letzten Monaten durchgemacht hast?

Trainer zu sein ist immer noch das, wofür ich tagtäglich brenne und was mir am meisten Spaß bereitet. Natürlich hatte das letzte Jahr seine Höhen, aber auch seine ganz speziellen und unterschiedlichen Tiefen. Die MT Melsungen ist ein sehr ambitionierter Verein und vertritt die gleichen Vorstellungen wie ich. Ich bin glücklich, Teil der Zukunft der MT zu sein und gemeinsam alles für den Erfolg zu investieren. Die Erfahrungen würde ich jetzt nicht nur auf die letzten Monate beziehen, sondern auf mittlerweile schon neun Jahre im Profigeschäft, die ich hier in meine Arbeit mit einbringen werde.

Zum Schluss, Jaron: Was würdest du jemandem mit auf den Weg geben, der gerade selbst vor einem großen Rückschlag steht und nicht weiß, wie es weitergehen soll?

Nimm Hilfe an, rede mit vertrauten Personen darüber und verliere niemals den Mut oder die Zuversicht. Für alle Probleme gibt es auch Lösungen – manchmal sind sie leichter und manchmal komplizierter.