Sieben Jahre alt war Pauline Uhlmann, als sie zum ersten Mal das Trikot des HC Leipzig überstreifte – zunächst als Einlaufkind, dann als Wischerin, ehe sie sich selbst auf dem Feld zur unumstrittenen Anführerin entwickelte. Sie hat die Insolvenz des Vereins miterlebt, den Neuanfang in der dritten Liga und die Jahre des mühsamen Wiederaufbaus – und ist dem HCL dabei immer treu geblieben. Heute ist die 25-Jährige nicht nur Kapitänin, sondern auch Symbolfigur eines Vereins, der einst zu den erfolgreichsten Frauen-Handballclubs Deutschlands zählte. Mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga hat sie mit ihrem Team gerade Geschichte geschrieben. Der Erfolg bringt jedoch auch Umbrüche mit sich: Ihre vertraute Heimat, die Sporthalle Brüderstraße, dürfen die Leipzigerinnen in der neuen Saison nicht mehr nutzen – der Umzug nach Markranstädt steht bevor. Ich habe mit Pauline Uhlmann über ihre Karriere, diesen Umbruch und das Leben zwischen Halle und Hörsaal gesprochen.
Pauline, auch wenn es nun schon etwas her ist aber auch von mir noch einmal Herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg! Was bedeutet dieser Moment für dich?
Vielen lieben Dank erst einmal. Wenn ich jetzt an den Aufstieg zurückdenke, dann bekomme ich immer noch Gänsehaut und schwelge ein wenig in Erinnerung. Der Moment, in welchem dann endlich die Schlusssirene erklungen ist und man eigentlich gar nicht so richtig wusste wohin mit seinen Gefühlen und einfach nur glücklich und erleichtert war, dass man das als Mannschaft jetzt tatsächlich geschafft hat, war sehr besonders. Mir bedeutet das unfassbar viel, weil ich eben die Zeiten vor der Insolvenz noch kenne und jetzt nach all den Jahren wieder den Schritt in die 1. Liga erreicht zu haben macht mich unfassbar stolz.
Du bist seit fast 20 Jahren im Verein. Gab es je einen Moment, in dem du ans Aufhören oder einen Wechsel gedacht hast?
Ja, da ist jetzt schon einiges an Zeit vergangen, in der ich hier im Verein bin. Natürlich gab es auch die einen oder anderen Momente, in welchen Angebote von außerhalb gekommen sind, auch damals schon von anderen Erstligisten. Aber ich bin Leipzig einfach sehr verbunden, denn meine Liebsten sind da und auch im Zusammenhang mit meinem Studium, wofür ich hier in Absprache mit dem Verein ein paar Freiräume habe, um Leistungssport und Medizinstudium unter einen Hut zu bekommen, sodass das Gesamtpaket all die Zeit gestimmt hat. In besonders stressigen Phasen oder wenn es sportlich mal nicht so lief, wie man das gerne gehabt hätte, dann denkt man schon mal darüber nach, wie das Leben so ohne den Leistungssport aussehen könnte. Allerdings liebe ich den Sport viel zu sehr und habe auch viel zu große Freude daran, als dass ich bisher ernsthaft ans Aufhören gedacht habe.
Du hast als Einlaufkind angefangen, warst Wischerin – und bist heute Kapitänin. Wie fühlt sich dieser Weg im Rückblick an?
Tatsächlich fast ein bisschen surreal. Als ich damals Einlaufkind war oder aber auch als Wischerin habe ich mir niemals träumen lassen, dass es dann tatsächlich irgendwann so weit ist, dass ich in der ersten Bundesliga beim HC Leipzig spielen darf. Und ich bin einfach glücklich und dankbar, dass das alles so gekommen ist, dass ich diesen Weg des Vereins bis dahin so aktiv mitgeschalten durfte und weiterhin darf.
Gibt es einen Moment aus deiner Karriere, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Für mich ist es gar nicht so der eine Moment, sondern viel eher das Jahr 2017, das wird für mich immer sehr besonders bleiben. Dort gab es viele Momente, die für mich bedeutsam waren, angefangen mit dem Länderpokal mit der Landesauswahl Anfang des Jahres, wo ich ins All Star Team gewählt wurde, im Mai dann der Titel der Deutschen Meisterschaft in der B-Jugend genauso wie meine ersten Minuten in der 1. Liga und gleichzeitig das vorerst letzte Spiel des HCL in der ersten Bundesliga. Diese 3 Minuten, die ich auf der Platte stehen durfte, werde ich nie vergessen, ich war supernervös, habe auf dem Weg zum 7m Punkt gefühlt dreimal denn Ball verloren und war dann aber überglücklich sogar 2 Tore werfen zu können. Gekrönt wurde das dann noch von unserem Europameisterschaft Titel im Sommer und der Tatsache, dass wir, als ehemaliges Juniorteam, von nun an die 1. Mannschaft des HCL sein werden. Dieses Jahr wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.
Neben dem Handball studierst du Medizin. Wie bekommst du beides unter einen Hut?
Das ist eine sehr gute Frage, die mir auch öfter gestellt wird, allerdings habe ich bis jetzt immer noch nicht die eine Antwort darauf. Ich glaube ich bin eine Person, die sich ganz gut strukturieren kann, ein wenig Fleiß mitbringt und versucht effektiv zu arbeiten. Dennoch ist es ein gewisses Pensum, woran ich mich auch erst mal gewöhnen musste. Zusätzlich habe ich einen wundervollen Partner zuhause, welcher mir ganz viel Last des „normalen Alltags“ abnimmt und mich unterstützt, wo er kann, sodass ich mich vollkommen auf diese zwei Dinge, Handball und Medizin, konzentrieren kann.
Hilft dir das eine, um im anderen abzuschalten – oder wird es manchmal auch zu viel?
Ich sage oft, bin ich nicht in der Halle, um zu trainieren, dann bin ich in der Uni oder mache etwas für die Uni und bin ich nicht in der Uni, dann bin ich in der Halle, um zu trainieren. Wenn ich bei dem einen vom anderen nicht abschalten könnte, dann wäre das ein ganz großer Overload, dem ich auch nicht lange standhalten würde. Auch in meinen Lernphasen fürs Staatsexamen oder Prüfungen habe ich schnell gemerkt, dass es mir absolut fehlt, wenn ich nicht beim Training bin und meinen Kopf von der Uni, vor allem unterbewusst, nicht abschalten kann. Sodass es sich ganz gut die Waage hält und ich in der Uni dann mehr mein wissenschaftliches Gehirn anstrenge und im Handball dann da meiner Leidenschaft nachgehen kann. Ich will nicht lügen es gibt aber auch die Momente, in denen ich nicht weiß, wie ich das alles wuppen soll.
Wie sieht für dich ein perfekter Tag abseits von Halle und Hörsaal aus?
Wenn es solche Tage gibt, dann nutze ich jeden Moment, um den Alltag etwas zu entfliehen. Schlafe ein wenig aus, genieße ein großes Frühstück, schnappe mir meine Liebsten und es geht an den See oder in die Natur, mal abschalten von allem Trubel, Handy weg und neue Energie sammeln.
Was macht für dich den HCL als Verein so besonders, auch über den Sport hinaus?
Mal ganz davon abgesehen, dass ich quasi mein ganzes Leben schon beim HCL verbracht habe und der Verein meine persönliche Entwicklung so sehr geprägt hat, sodass er gemeinsam mit den Mädels irgendwie zu meiner 2. Familie geworden ist, ist es genau das, was den Verein ausmacht. Er setzt auf ein familiäres Miteinander auf und neben der Platte und eine grandiose Nachwuchsarbeit, was ich unglaublich toll finde und auch viele aus unserer Mannschaft geben bereits jetzt den jüngeren viel mit auf den Weg und trainieren sie damit sie ihre Träume verfolgen können.
Als Kapitänin trägst du viel Verantwortung. Wie würdest du deine Rolle im Team beschreiben?
Meine Rolle beinhaltet ganz ganz viel Kommunikation, nicht nur mit den Mädels oder innerhalb des Teams, sondern auch viel, mit unseren Trainern, mit der Geschäftsführung, wenn irgendwo der Schuh drückt, egal auf welcher Seite bin ich so ein bisschen die Schnittstelle und Ansprechperson für alle. Gleichzeitig gehe ich auf dem Feld, und auch neben dem Feld voran, bin für die Mädels da und versuche als Leaderin zu agieren.
Ihr müsst für die Bundesliga nach Markranstädt umziehen, weg aus eurer Halle in der Brüderstraße. Wie geht es dir persönlich damit?
Ich persönlich finde es sehr schade, die Brüderstraße ist zu unserem Wohnzimmer geworden. Wir haben da beide Aufstiege erlebt, erst aus der dritten Liga in die zweite Liga und jetzt auch in die erste Liga, so dass mit dieser Halle ganz viele Emotionen verbunden sind, so viele Erinnerungen. Ich bin ein wenig wehmütig, dass wir unsere Brüderhölle, wie wir sie gerne nennen nun verlassen müssen und auch keine andere Halle in Leipzig finden konnten. Sodass wir ab jetzt im Sportcenter Markranstädt spielen, wozu man sagen muss, dass Markranstädt eine sehr handballbegeisterte Stadt ist und die Halle ganz viel Potential für neue unvergessliche Momente bietet.
Was wird euch von der Brüderstraße am meisten fehlen?
Es ist wie gesagt eine Halle mit ganz vielen Erinnerungen, Erinnerungen, die auch davon geprägt sind, dass unsere Fans wortwörtlich ganz nah mit dabei waren. Wenn ich auf Außen hoch und runtergelaufen bin saßen sie nur ca. 1-2m von mir entfernt, da bekomme ich ihre Emotionen und Anfeuerungen natürlich nochmal ganz anders mit. Die Atmosphäre unserer kleinen „Hölle“ werde ich schon vermissen, ist aber auch nichts, was man nicht in der neuen Halle auch erschaffen kann.
Was würdest du den Fans sagen, die unsicher sind, ob sie den weiteren Weg nach Markranstädt mitgehen?
Ich würde ganz klar sagen nicht lang nachdenken, sondern ab in die Halle! Ja, der Sportcenter liegt nun leider nicht mehr in der Innenstadt von Leipzig, aber man erreicht die Halle prima mit der S Bahn und wenn man dann aussteigt, ist man direkt schon da. Die Minuten, die man jetzt für die Anfahrt mehr investiert, investiert man aber auch in uns Mädels und in den erstklassigen Frauenhandball, welchen man sich dann anschauen kann. Wir freuen uns sehr über jede Person, die uns in der Halle unterstützen und anfeuern kommt und wollen mit unseren Spielen begeistern.
Wie hält man als Mannschaft zusammen, wenn sich gerade so vieles verändert?
Das Schöne ist, dass sich zwar gerade sehr viel um uns herum verändert, was die Liga, die Spielhalle und vieles mehr angeht, aber wir als Mannschaft sind zum ganz großen Teil unverändert. Wir hatten 3 Abgänge und nun 3 Zugänge, die sich auch schon sehr gut in unserem Team eingefunden haben und uns verstärken. Wir sind also in dem ganzen Trubel ein bisschen der Anker für uns selbst und so fällt es uns nicht schwer als Mannschaft zusammen zu halten, denn wir kennen uns lange genug, um zu wissen, wie wir als Team gut funktionieren.
Wenn du an die kommende Erstliga-Saison denkst – worauf freust du dich am meisten?
Am meisten freue ich mich darauf, dass es endlich losgeht. Ich habe so Bock auf die Spiele, die neuen Mannschaften, gegen die wir spielen und denen wir es auch nicht leicht machen werden. Außerdem freue mich auch einige mir bekannte Gesichter von meiner Jugendnationalmannschaftszeit bzw. auch ehemalige HCL-Spielerinnen widerzusehen, die ihren Weg schon eher in die erste Liga gefunden haben. Das ist das Schöne an dem Sport, dass man sich dann auch in anderen Mannschaften immer wieder begegnet.
Was gibst du jungen Spielerinnen mit auf den Weg, die von einer solchen Karriere träumen?
Hört niemals auf zu träumen. Wenn ihr dieses Ziel habt, haltet daran fest. Behaltet euch stets den Spaß am Sport und verfolgt eure Leidenschaft. Es wird nicht immer als geradlinig laufen und ihr werdet bestimmt auch an den Punkt kommen, an dem ihr mal zweifelt, aber das gehört dazu. Solange es euch Freude bereitet in der Halle zu stehen und alles dafür zu geben, glaubt an euch.